Via Lewandowsky: Roter Teppich 2003

  • Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Martin Seidel (2007)

    Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Martin Seidel (2007)

  • Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Martin Seidel (2007)

    Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Martin Seidel (2007)

  • Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: Bundeswehr / Alexandra Bucurescu (2005)

    Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: Bundeswehr / Alexandra Bucurescu (2005)

  • Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Volker Kreidler (2003)

    Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Volker Kreidler (2003)

  • Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Volker Kreidler (2003)

    Via Lewandowsky: Roter Teppich, 2003 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Volker Kreidler (2003)

Via Lewandowskys „Roter Teppich“ für den zweiten Dienstsitz des Bundesministeriums der Verteidigung im sogenannten Berliner „Bendlerblock“ gehört zu den aufsehenerregendsten Kunst-am-Bau-Arbeiten. Betritt man die in der Grundfläche etwa 200 Quadratmeter große und fast 17 Meter hohe, von wuchtigen Pfeilern, Säulen und Balustraden geprägte zentrale Säulenhalle des Gebäudes, nimmt sich die 5 x 10 Meter große textile Installation mit ihrem 1 cm hohen Flor fast dekorativ aus. Doch schnell erweist sich der Teppich als Vexierbild. Was zunächst als diffuses Assoziationsgemisch aus Feuer und Blut vor sich hin flimmert, gewinnt mit zunehmendem Abstand an Konturen. Von jedem höheren Stockwerk deutlicher zeigt der Teppich sein „wahres“ Muster, nämlich die nach einer Fotografie aus dem Jahre 1945 angefertigte Luftansicht des ausgebombten Berliner Stadtteils Tiergarten samt des zerstörten „Bendlerblocks“.
Der aus Schurwolle handgetaftete Teppich, mit dem Via Lewandowsky den Kunstwettbewerb für die Säulenhalle gewann, lebt nicht zuletzt von der wechselvollen Geschichte des Ortes. Der monumentale Gebäudekomplex am Landwehrkanal entstand in den Jahren 1911-1914 als Reichsmarineamt. Nach dem Ersten Weltkrieg diente der Bau als Reichswehrministerium und als Oberkommandozentrale der Wehrmacht. Später entwickelte sich der 1938 entlang der Stauffenbergstraße umfangreich erweiterte Komplex zur Zentrale des politischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, der am 20. Juli 1944 den Putsch gegen Hitler versuchte. Nach dem Krieg und dem Wiederaufbau des Bendlerblocks zogen außer der Gedenkstätte Deutscher Widerstand diverse Behörden des Bundes, des Landes Berlin und schließlich 1993 das Verteidigungsministerium ein.
Lewandowskys „Roter Teppich“ ist in Bezug auf den Ort und seine Geschichte eindeutig und vieldeutig zugleich. Als ein roter Teppich, wie er zu besonderen Anlässen ausgerollt werden kann, und als Bombenteppich schlägt er, so Lewandowsky, eine „ironische Brücke zwischen der Idee eines roten Teppichs und dem Trauma der Zerstörung“. Der flammend rote Teppich wird zum Fanal, auf dem Teppich (als dem Boden der geschichtlichen Tatsachen) zu bleiben und mit der Neubebauung und der Neunutzung des kriegszerstörten Viertels um den „Bendlerblock“ nichts unter den Teppich (der unrühmlichen Vergangenheit) zu kehren. Denn die Vergangenheit, so die Botschaft, lässt sich nicht verleugnen und drängt in einem ähnlichen zeitlich-räumlichen Prozess ans Tageslicht, wie die graphische Struktur des Teppichs allmählich sichtbar wird.
Lewandowsky ist ein Künstler, der sich in oft sarkastischen und skurrilen Kunstwerken immer wieder mit Geschichte, Gegenwartsfragen und existenziellen Befindlichkeiten des Menschen auseinandersetzt. Sein expressiv aufgeladenes Denk- und Mahnmal für das Verteidigungsministerium ist von konkreter thematischer Zuspitzung weit entfernt. Was es genau darstellt lässt sich am Objekt kaum ablesen. In dem konkreten ortsspezifischen Bezug fügt er sich ins Konzept einer Politik, die beim Berlin-Umzug mit der Wahl des „Bendlerblocks“ als zweiten Dienstsitz des Verteidigungsministeriums demonstrieren wollte, dass die Bundeswehr in der Traditionslinie des militärischen Widerstands gegen das NS-Regime steht. Genau diese Absichtserklärung wiederholt Lewandowsky im Rahmen der Teppich-Symbolik. Er trägt seinen künstlerischen Appell, „rechtsstaatliche Grundsätze nicht unter den Teppich zu kehren“, in aufrüttelnd grellem Rot lautstark vor. Die Leistung der Arbeit besteht darin, dass sie die denkmalgeschützte Halle des Verteidigungsministeriums, ohne sie eigentlich zu verändern, vom Boden bis zur Lichtdecke über vier Geschosse in Beschlag nimmt. Als zweidimensionale Bodenarbeit findet er im Verhältnis zur Architektur eine seltene und geniale Balance zwischen faktischer optischer Unterordnung, materieller Entgegensetzung und intellektueller Dominanz. MS

Weiterführende Literatur:
Kunst am Bau. Projekte des Bundes 2000-2006, hrsg. v. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), Berlin 2007.
Kunst am Bau. Die Projekte des Bundes in Berlin, hrsg. v. Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen (BMVBW), Berlin 2002.


Teppich / Tapisserie
Schurwolle, handgetaftet
5 x 10 m
270.000 €
nicht-offener Wettbewerb / Einladungswettbewerb

Bundesministerium der Verteidigung
Foyer
nicht öffentlich zugänglich/einsehbar

Künstler: Via Lewandowsky

Via Lewandowsky, 1963 in Dresden geboren, veranstaltete nach einem Studium der Szenografie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 1982-87 dort mit der Avantgardegruppe der „Autoperforationsartisten“ Performances, die den offiziellen Kunstbetrieb der DDR unterliefen. Der Künstler nahm an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teil, wurde mit Kunstpreisen und Arbeitsstipendien ausgezeichnet und hatte Gastprofessuren an der Universität der Künste Berlin sowie an der Akademie der Bildenden Künste München inne. Lewandowsky setzt sich in oft sarkastischen und skurrilen Kunstwerken immer wieder mit Geschichte, Gegenwartsfragen und existenziellen Befindlichkeiten des Menschen auseinander. Dabei arbeitet er mit wechselnden künstlerischen Medien: Installation, Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Objektkunst, Fotografie, Klangkunst, Performance. Volker Via Lewandowsky lebt und arbeitet in Berlin.

Bundesministerium der Verteidigung

Architektur: Reinhardt & Süßenguth
Bauzeit: 1911-1914

Bundesministerium der Verteidigung
Stauffenbergstraße 18
10785 Berlin

Das 1914 errichtete Reichsmarineamt wurde 1919-37 vom Reichswehrministerium und 1938-45 vom Oberkommando der Wehrmacht und der Kriegsmarine genutzt. Ab den 1950er-Jahren waren verschiedene Bundesbehörden darin untergebracht, 1968 erfolgte die Einrichtung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Seit 1993 ist er Sitz des Bundesministeriums der Verteidigung.

Weitere Kunstwerke: Lewandowsky, Via