Via Lewandowsky: Treppenläufer 2007

  • Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

    Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

  • Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

    Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

  • Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

    Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

  • Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

    Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

  • Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

    Via Lewandowsky: Treppenläufer, 2007 / © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotonachweis: BBR / Cordia Schlegelmilch (2013)

Der Kunst-am-Bau-Wettbewerb für die 2008 fertig gestellte, vom Zürcher Büro e2A eckert eckert architekten entworfene Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung ließ alle Standorte im Innern des Gebäudes und alle Freiheiten bezüglich der künstlerischen Gattungen und Ausdrucksmöglichkeiten zu. Dass es dabei zu einem Teppich für die elf Meter breite Eingangstreppe, die zur Beletage führt, kommen könnte, war insofern vielleicht vorauszusehen, als der siegreiche Wettbewerbsteilnehmer Via Lewandowsky (Jahrgang 1963) schon einmal prominent mit einem Teppich als Kunst am Bau in Erscheinung getreten war: 2003 in der Säulenhalle des Berliner Dienstsitzes des Verteidigungsministeriums im Bendlerblock.
Der Teppich mit dem Titel „Treppenläufer“ adaptiert eine vom Künstler stammende Luftaufnahme einer Schafherde. Aus einem von Lewandowsky zum damaligen Kunst-am-Bau-Wettbewerb eingereichten Dossier geht hervor, dass der Teppich an Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Die schwarzen Schafe“ (1951) anknüpft. Die Kurzgeschichte, die dem späteren Nobelpreisträger den Literaturpreis der Gruppe 47 einbrachte, konnotiert die sprichwörtlichen schwarzen Schafe durchaus positiv. Sie stellt schwarze Schafe als sympathische Nonkonformisten dar, als aus der Herde willentlich ausscherende Individualisten, die der Mehrheit der weißen Schafe nicht die Richtung weisen, aber neue Impulse geben könnten. Lewandowskys Teppich ist, wie schnell deutlich wird, keine Illustration zu Bölls Erzählung. Denn die Herde auf seinem Teppich besteht nicht aus einer signifikanten Überzahl an weißen, ihrer Wolle wegen „wertvolleren“ Schafen und einer bezeichnenden Minorität von schwarzen Schafen. Die Dramaturgie des Teppichs lässt weder die Sprichwörtlichkeit oder besondere Machtverhältnisse noch überhaupt auch eine thematische Zuspitzung erkennen. Dennoch drängen sich Assoziationen zur menschlichen und demokratischen Gesellschaft unwillkürlich auf. Das Grün des Teppichs, das übrigens keineswegs den Bodenverhältnissen der im Winter angefertigten fotografischen Vorlagen entspricht, ist weder naturähnlich noch „schön“. Man kann es aber programmatisch und nicht ohne Ironie auf den Ort – die parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen – beziehen.
Eine thematische Bedeutung kommt auch dem Titel „Treppenläufer“ zu. Es ist nicht so, als würde ein Maler sein Ölgemälde „Ölgemälde“ nennen. „Treppenläufer“ ist keine tautologische Bezeichnung. Denn der Teppich läuft zwar über die Treppe. Doch er hat nicht das lange und schmale Format, das ihn zum Läufer machen würde. Nicht eigentlich der Teppich also, sondern die Schafe sind „Treppenläufer“. In diese volkspädagogische Stufensymbolik mischen sich aber Zweifel. Denn der Teppich erweckt nicht den Eindruck von Schäferidylle und Arkadien. Die Dynamik, mit der die nicht sogleich als Schafe erkennbaren Tiere die Treppe erklimmen, hat auch etwas Bedrohliches, etwas von einer Fluchtbewegung oder von einer Plage an sich.
Hier schließt sich eine Reihe Fragen an. Wie zum Beispiel verhält sich – in Analogie zum Bild dieser Schafherde – der Mensch zwischen Herdentrieb, Selbst- und Fremdbestimmung? Wird die grüne Wiese des Teppichs von den (sprichwörtlich ja auch „dummen“) Schafen einfach abgegrast und aufgefressen – so wie vielleicht auch die Ideale der „grünen Politik“ von organisierten Parteigängern niedergetrampelt werden könnten? Frisst die Revolution ihre Kinder? Oder fressen die Kinder die Revolution? Via Lewandowskys Teppich gibt darauf keine einfachen Antworten. Doch er stellt – durchaus mit Hang zu Kunst- und Gesellschaftssatire – die Fragen. Die künstlerische Balance von Form und eines sich immer wieder entziehenden Inhalts macht die Stärke des Teppichs als Sinnbild der Gesellschaft und als auf den Ort bezogene Kunst am Bau aus. MS

Weiterführende Literatur Online:
Martin Seidel (Autor), BMVBS (Hrsg.): Dokumentation von 50 Kunst-am-Bau-Werken, BMVBS-Online-Publikation 05/2013.

Weiterführende Literatur:
Kunst am Bau. Projekte des Bundes 2006-2013, hrsg. v. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), Berlin 2014.


Teppich / Tapisserie
fotografische Applikation auf Teppich
11 m breit
50.000 €
Kolloquium mit 8 Teilnehmern

Heinrich-Böll-Stiftung
Treppe zur Beletage
während der Öffnungszeiten zugänglich

Künstler: Via Lewandowsky

Via Lewandowsky, 1963 in Dresden geboren, veranstaltete nach einem Studium der Szenografie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden 1982-87 dort mit der Avantgardegruppe der „Autoperforationsartisten“ Performances, die den offiziellen Kunstbetrieb der DDR unterliefen. Der Künstler nahm an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland teil, wurde mit Kunstpreisen und Arbeitsstipendien ausgezeichnet und hatte Gastprofessuren an der Universität der Künste Berlin sowie an der Akademie der Bildenden Künste München inne. Lewandowsky setzt sich in oft sarkastischen und skurrilen Kunstwerken immer wieder mit Geschichte, Gegenwartsfragen und existenziellen Befindlichkeiten des Menschen auseinander. Dabei arbeitet er mit wechselnden künstlerischen Medien: Installation, Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Objektkunst, Fotografie, Klangkunst, Performance. Volker Via Lewandowsky lebt und arbeitet in Berlin.

Heinrich-Böll-Stiftung

Architektur: e2A eckert eckert architekten
Bauzeit: 2007-2008

Heinrich-Böll-Stiftung
Schumannstraße 8
10117 Berlin

Weitere Kunstwerke: Lewandowsky, Via