Reinhard Omir : Kinetische Säule (Brunnenskulptur) 1973

  • Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: BBR Archiv

    Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: BBR Archiv

  • Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: BBR Archiv

    Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: BBR Archiv

  • Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

    Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

  • Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

    Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

  • Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

    Reinhard Omir: Kinetische Säule (Brunnenskulptur), 1973 / © Reinhard Omir; Fotonachweis: Reinhard Omir (1973)

Seit 1919 bestehen zwischen Deutschland und Afghanistan diplomatische Beziehungen. 1954 eröffnete die Bundesrepublik in Kabul eine Gesandtschaft, die 1958 in eine Botschaft umgewandelt wurde. Nachdem 1965 in Afghanistan die ersten freien Wahlen stattgefunden hatten, erwarb die Bundesrepublik ein Grundstück in Ewigpacht. Noch vor dem Staatsstreich 1973, der die Republik Afghanistan zur Diktatur machte, wurde zwischen 1970 und 1972 die Botschaft Kabul mit Kanzlei und Residenz nach Plänen der Bundesbaudirektion und der Frankfurter Architekten Günter Lange & Wolfgang Ebinger erbaut. Es handelt sich um unspektakuläre Gebäude mit einer zweigeschossigen Residenz, die sich als deutlich horizontal orientierter und großzügig verglaster Baukörper zum Garten hin öffnet.
Für die dort zu platzierende Brunnenskulptur wurden bei den Künstlern Hermann Goepfert, Reinhard Omir, Hein Sinken und Günter Tollmann, die alle zumindest teilweise mit kinetischen oder kybernetischen Objekten und Skulpturen arbeiteten, gutachterliche Vorschläge eingeholt. Der Auftrag ging an Reinhard Omir (Jahrgang 1938). Omir, der die Botschaft Kabul nie persönlich in Augenschein nehmen konnte, entwarf und fertigte in Deutschland eine „Kinetische Säule“, die nach einem gelungenen Probelauf in München zerlegt, verschifft und vor Ort von Botschaftsangehörigen montiert wurde.
Die in den 1979 beginnenden Kriegswirren zerstörte Skulptur stand in einem flachen quadratischen Wasserbecken vor der Residenzterrasse. Sie bestand aus drei übereinander gestapelten Kuben aus geschliffenem Edelstahl. Sie war klar im Design und schon im Ruhezustand von nüchterner Eleganz. Ihren Sinn aber erfüllte sie, wenn die Würfel in exzentrische Bewegungen um ihre vertikalen Achsen rotierten. Ein durch spezielle Elektromotoren erzeugter asymmetrischer Schwungausgleich sorgte dafür, dass die Bewegungen zufällig und für den Betrachter nie voraussehbar waren. Wie im Modell geplant, spiegelte sich die bewegte Säule zudem eindrucksvoll in dem mit blaugrünen Keramikfliesen ausgekleideten Wasserbecken.
„Grundgedanke der Skulptur »Kinetische Säule«“, so Reinhard Omir, „war eine Bewegung, der grazile ‚Tanz‘ einer Säule. Die überlagerten Bewegungen, die zwischen grazilem Tanz und scheinbar unkontrolliertem Torkeln stattfanden, folgten keiner nachvollziehbaren Gesetzmäßigkeit.“
Die etwa drei Meter hoch aufragende, stelenartige Skulptur hatte eine vielschichtige Struktur. Sie balancierte mehrere künstlerische Widersprüche aus. So verband Reinhard Omir, der vom Maschinenbau und von der Architektur als Autodidakt zu konkreter Malerei und kinetischen Skulpturen gekommen war, die freie künstlerische Setzung mit physikalischer Gesetzlichkeit und purem Zufall. Er setzte gegen die Strenge minimalistischer Formverknappung eine sich selbst überlassene Bewegung. Er kombinierte anti-künstlerische mit betont künstlerischen Momenten, widersprach der industriell anmutenden Formgebung, Materialbeschaffenheit und kühlen Rationalität mit hoch sensiblen poetischen Momenten.
Fotos lassen erkennen, dass die von den Nutzern und der Bundesbaudirektion positiv aufgenommene Skulptur ein gelungenes Beispiel einer repräsentativen Kunst am Bau gewesen sein muss. In ihrer kubischen Gliederung spiegelte die Säule die Tektonik des Residenzgebäudes mit dem annähernd quadratischen Format der Fenster wider. In ihrer geometrischen Formenstrenge und der Geschliffenheit des Materials war die Skulptur ein Artefakt, das gegenüber der Architektur einen deutlichen Akzent setzte und vor dem Hintergrund der ruhig sich hinziehenden Hügelkette nach Südwesten hin eine schöne Silhouettenwirkung erzielte. MS

Weiterführende Literatur Online:
Martin Seidel (Autor), BMVBS (Hrsg.): Kunst am Bau bei Deutschen Botschaften und anderen Auslandsbauten. BMVBS-Online-Publikation 11/2011.

Weiterführende Literatur:
Wolfgang Leuschner: Bauten des Bundes 1965-1980, hrsg. v. Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, Karlsruhe 1980, S. 240.


kinetische Arbeit
Edelstahl geschliffen, Elektromotoren
Höhe 300 cm
Kolloquium

Deutsche Botschaft Kabul, Kanzlei und Residenz
Wasserbecken vor der Residenzterrasse
nicht öffentlich zugänglich/einsehbar
Kunstwerk ist zerstört

Künstler : Reinhard Omir

Reinhard Omir, geboren 1938 in Kreuzburg/Oberschlesien, ist ein deutscher Künstler. Nach einem Studium der Architektur an der TH München von 1959 bis 1963 war er überwiegend als Maler und Bildhauer tätig. Omir schuf zahlreiche Werke im öffentlichen Raum bzw. Kunst am Bau, u. a. für die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Kabul/Afghanistan (1972/73) und für die Naturwissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (1986).

Deutsche Botschaft Kabul, Kanzlei und Residenz

Architektur: Bundesbaudirektion (Sadewasser) mit Günter Lange & Wolfgang Ebinger, Frankfurt a. M.
Bauzeit: 1970-72

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
Wazir Akbar Khan, Mena 6
Kabul
Afghanistan