Christine Meisner: Rivers and Rights (Wandteppich) 2016
Das Foyer der Akademie verfügt in Form und Farbe über ein markantes Gestaltungsprofil. Vom Depotlagers der Staatsoper übernommene rau belassene Wände, Galerien und Brücken, Stahlträger und -tore verbinden sich mit dem Einbau der Treppe, Holzverkleidungen, Sitzelementen, Tischen und an Brüstungen angebrachten Bild-/Texttafeln zu einem lebhaften Gesamteindruck. Lebhaft sind auch die Farben mit dem Graublau der Wände, dem Anthrazit der Stahlträger, den erdig warmen Rottönen des Kautschukbodens, dem hellen Holzton der Laibungen der Treppe und Türen. Das Ambiente stellt an Kunst am Bau besondere Ansprüche, die das Werk von Christine Meisner vollkommen erfüllt.
Christine Meisners hat für die über drei Etagen gehende Rückwand einen sechs Meter hohen handgewebten Teppich aus pflanzlich gefärbter Wolle und Seide entworfen, der seine Aura und suggestive Ruhe nicht zuletzt aus dem Material bezieht und sich als ästhetisches Rückgrat stabilisierend dem Raumgefüge einschreibt.
In seiner von einem feinen Spektrum von warmen Grau- und Weißtönen getragenen Farbgebung stellt der Behang zur Architektur sowohl Nähe wie auch Distanz her. Dieselbe Ambivalenz von Konsonanz und Dissonanz besteht im Verhältnis zwischen dem Teppichmuster und den architektonischen Formen und Konstruktionselementen. Die geknüpfte Zeichnung aus Punkten, Strichen und Stäben schafft eine Struktur, die ein großes Rechteck mit einer streng horizontal und vertikal orientierten Binnenzeichnung aussondert. Die Umrandung grenzt sich mit einer unregelmäßig in alle Richtungen wogenden Strichpunktzeichnung ab. Verbindungen zwischen beiden Bildbereichen schaffen Verästelungen, deren Verlauf sich mit dem farblich kenntlich gemachten Eindringen beziehungsweise Verlassen des Rechteckfeldes verändert. Die Konstellation lässt einen konfrontativen Zusammenhang von Natur und Kultur erahnen. Der Titel des Werkes, „River and Rights“, bestätigt diesen kartographischen Eindruck eines von natürlichen und von menschengeschaffenen Grenzen geprägten Geländes. Stringent erschließt sich die Motivik mit dem Hinweis auf die klassische Ikonographie islamischer Paradiesgärten, die auch Orientteppichen zugrunde liegt. Danach handelt es sich um eine rechteckige von Wegen unterteilte, bewässerte und bepflanzte Anlage. Dieses Motiv verbindet die Künstlerin mit den erkennbaren Topographien der Flüsse Nil, Jordan, Euphrat und Tigris (dargestellt von links nach rechts), deren natürlicher Verlauf – als Ergebnis territorialer Ansprüche auf die knappe Ressource Wasser – vielfach gebrochen ist. Auch mit einem ins Grundmuster hineinplatzenden Irritationsmoment eines blau abgesetzten Rechtecks wird die minimalistisch anmutende Partitur des Teppichs so zu einer Landkarte des Nahen Ostens, welche Utopien und Paradiesvorstellungen mit Emanationen nationaler Egoismen und sozialer Ungerechtigkeiten verknüpft. Der zentrale Bezugspunkt dieser Kunst bleibt die völkerverbindende Intention der Hochschule, aus der bereits 1999 das von Daniel Barenboim und Edward Said gegründete West-Eastern Divan Orchestra mit Musikern aus Israel, Palästina und anderen arabischen Ländern hervorgegangen ist.
Auf die unangestrengte Weise eines auf hohem Niveau dekorativen Bildes verdichtet der Behang ein Höchstmaß an Bedeutung. Dabei treffen sich Autonomie und Ortsbezogenheit, formale Aura und semantischer Anspruch genau in der Mitte und machen „Rivers und Rights“ zu einem herausragenden Werk der Kunst am Bau. MS
Weiterführende Literatur:
70 Jahre Kunst am Bau in Deutschland, Ausstellungskatalog, hrsg. v. Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Berlin 2020
Textilarbeit
Wolle, Seide
ca. 585 x 1215 cm
177.000 €
nicht-offener Wettbewerb / Einladungswettbewerb mit 15 Teilnehmern
Barenboim-Said-Akademie und Pierre-Boulez-Saal
Foyer
während der Öffnungszeiten zugänglich
Künstlerin : Christine Meisner
Christine Meisner (*1970 in Nürnberg) ist eine in Berlin und Brüssel lebende Künstlerin. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien und hat eine Professur an der ERG – École Supérieure des Arts – in Brüssel. In ihren multimedialen Arbeiten – Installationen, Videos, Zeichnungen, Texten und Recherchen – reflektiert sie die Auswirkungen der Kolonialgeschichte Afrikas und Amerikas oder der Nazi-Vergangenheit Deutschlands auf die Gegenwart. Ihre Arbeiten sind in Ausstellungen weltweit zu sehen und in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.
Barenboim-Said-Akademie und Pierre-Boulez-Saal
Architektur: Richard Paulick
Bauzeit: 1952-1955
Barenboim-Said-Akademie
Französische Straße 33 d
10117 Berlin
Das Gebäude wurde 1952-1954 als Magazingebäude der „Lindenoper“ errichtet. Der Entwurf stammt vom Architekten Richard Paulick (1903-1979), der nicht zuletzt als „Vater der Platte“ Bekanntheit erlangte. Paulick war maßgeblich am Aufbau des historischen Berlin beteiligt. Das Magazin der Oper war ein Zweckbau mit der repräsentativen Hülle eines klassizistischen Palais, das sich in den Bestand der Umgebung integriert.