Fritz Koenig : Große Karyatide 1966

  • Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Stefan Müller (2007)

    Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Stefan Müller (2007)

  • Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: Deutsche Botschaft Madrid (2010)

    Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: Deutsche Botschaft Madrid (2010)

  • Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Franziska Sommerfeld (2018)

    Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Franziska Sommerfeld (2018)

  • Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: Deutsche Botschaft Madrid (2010)

    Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: Deutsche Botschaft Madrid (2010)

  • Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Franziska Sommerfeld (2018)

    Fritz Koenig: Große Karyatide, 1966 / © Fritz Koenig; Fotonachweis: BBR / Franziska Sommerfeld (2018)

Der Neubau der Deutschen Botschaft Madrid wurde nach Plänen von Alexander Freiherr von Branca zwischen 1964 und 1966 errichtet. Das Ensemble besteht aus dem parallel zur Straße verlaufenden langgestreckten viergeschossigen Gebäuderiegel der Kanzlei sowie der um einen quadratischen Patio angelegten zweigeschossigen Residenz, die sich auf der Gartenseite des Grundstücks im Osten nach einem Zwischenhof rektangulär anschließt. Für die Kunst am Bau wurde 1965 ein Wettbewerb durchgeführt, in dem sich Fritz Koenig mit einem Entwurf für eine über drei Meter hohe Bronzeplastik gegen die Vorschläge von Blasius Gerg und Leo Kornbrust durchsetzte. Als wichtiger Vertreter der deutschen Nachkriegskunst war Fritz Koenig (Jahrgang 1924) zwischen 1962 und 1978 für verschiedene Botschaften künstlerisch tätig: für Egon Eiermanns Kanzleineubau in Washington realisierte er die informelle Bronzeplastik »Große gerahmte Figuren«, für Hans Scharouns Botschaft in Brasilia schuf er 1970 eine Silberkugel für den Empfangsbereich und für die Londoner Botschaft 1977‐78 eine Flora‐Bronzeplastik, die vor dem Kanzleierweiterungsbau aufgestellt ist.
Gegenüber der drei Jahre zuvor entstandenen Plastik für die Washingtoner Botschaft zeugt die Madrilener »Große Säulenkaryatide« von einem entscheidenden stilistischen Wandel. Die Formen werden nicht informell zergliedert, sondern zusammengefasst; sie werden geometrischer, abstrakter, tektonischer. Spuren eines handwerklichen plastischen Gestaltens sind kaum mehr vorhanden. Die Plastik trägt Züge der Postmoderne, noch bevor diese mit Beginn der Achtziger Jahre die kulturellen Diskurse zu dominieren begann. So bleibt die abstrakte Form nicht wie oftmals in der Moderne sich selbst überlassen. Sie provoziert und forciert mit der zugespitzten Verteilung von Last und Träger zwar die formale Betrachtung. Aus der bauplastischen weiblichen Figur, die in der Architektur anstelle einer Säule oder eines Pfeilers eine tragende Funktion übernimmt, wird bei Koenig aber eine frei stehende, jeder Baufunktionalität enthobene Plastik, deren Bildgestalt, Aufbau und nicht zuletzt deren Titel das Werk in einen großen bau‐ und kulturgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Die von Karyatiden üblicherweise getragenen Balken, Giebel, Architrave oder Dächer verkörpert hier der oben aufsitzende Kubus. Mit diesem metamorphotisch verbunden ist die abstrakte Trägerfigur, die sich wie unter der Last krümmt. Die "Säule" der »Säulenkaryatide« ist eigentlich ein Pfeiler, der die klassische Säulenschwellung, die 'Entasis', zur Schaftmitte hin in eine Verschlankung umdeutet. Trotz der verbleibenden Massivität des Schaftes und des aufsitzenden Kubus wirkt die Konstellation fragil und gefährdet. Dieser Eindruck rührt nicht zuletzt daher, dass es sich hier gerade nicht um eine mit dem Bau verbundene Karyatide handelt, sondern um eine frei im Raum stehende Plastik, die als weit ausholendes fiktives Architekturfragment mit kulturellen Reminiszenzen spielt.
Dabei fügte sich die inzwischen in den Hof zwischen Kanzlei und Residenz umgesetzte (dort für ein wesentlich größeres Publikum erlebbare) Plastik formal nahezu perfekt in den Patio der Residenz ein. Der Kubus war an den Gebäudekanten ausgerichtet und hatte seine Entsprechung im quadratischen Grundriss des Hofes und in der quadratischen Gliederung der umgebenden Lochfassaden. Der aufsitzende Würfel korrespondierte mit dem architravartigen Eindruck, den das unregelmäßige Mauerwerk dadurch hervorruft, dass es die Steine der abschließenden Lage gegen die sonstige Tendenz hochrechteckig versetzt. Auch harmonierte die Tönung der Bronzepatina gut mit dem Granit der Fassade.
MS

Weiterführende Literatur Online:
Martin Seidel (Autor), BMVBS (Hrsg.): Kunst am Bau bei Deutschen Botschaften und anderen Auslandsbauten. BMVBS-Online-Publikation 11/2011.

Weiterführende Literatur:
Dietrich Clarenbach: Fritz Koenig. Skulpturen. Werkverzeichnis, Einführung Peter Anselm Riedl, München 2003; zur Madrilener »Großen Säulenkaryatide« siehe S. 293 Nr. 365.


Freiplastik / Skulptur
Bronze
325 cm
nicht-offener Wettbewerb / Einladungswettbewerb mit 3 Teilnehmern

Deutsche Botschaft Madrid, Kanzlei und Residenz
Patio der Residenz
nicht öffentlich zugänglich/einsehbar

Künstler : Fritz Koenig

Fritz Koenig, geboren 1924 in Würzburg, war einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Mit sehr eigenständigem, abstraktem Formenrepertoire profilierte er sich Ende der fünfziger und sechziger Jahre als einer der wichtigsten Repräsentanten der westdeutschen Kunst. 1958 vertrat er Deutschland auf der XXIX. Biennale in Venedig, 1959 und 1964 nahm er an der documenta II und III in Kassel teil. Seine Ausbildung hatte er nach Kriegsdienst im zweiten Weltkrieg 1946-1952 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Anton Hiller erhalten. 1964 wurde er Professor an der Architektur-Fakultät der Technischen Universität München, 1969 Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Er schuf zahlreiche öffentliche Skulpturen wie die Kugelkaryatide für das World Trade Center in New York (1971) und Mahnmale im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen (1983) sowie für die Opfer des Terroranschlages der Olympischen Spiele 1972 in München (1995). Vor allem erhielt Koenig seit 1951 Kunstaufträge für viele Behördenbauten in Bayern, später auch bedeutende Aufträge der Post und des Bundes. So schuf er das Relief und den Brunnen für das Deutsche Patentamt München (1956) sowie Bronzeskulpturen für die Deutschen Botschaften in Washington, D.C./USA (1962), in Madrid/Spanien (1965/66) und in Dakar/Senegal (1971).

Deutsche Botschaft Madrid, Kanzlei und Residenz

Architektur: Alexander Freiherr von Branca
Bauzeit: 1963-66

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
Calle de Fortuny 8
28010 Madrid
Spanien

Das Grundstück wurde bereits 1927 vom Deutschen Schulverein erworben. 1945 wurde es vom spanischen Staat beschlagnahmt und 1948 enteignet. 1958 erfolgte die Rückgabe des Grundstückes mit der Auflage, ein Botschaftsgebäude zu erbauen, was 1963-66 nach den Plänen von Alexander Freiherr von Branca auch umgesetzt wurde. Die Akademie der bildenden Künste in Madrid entbot ihre besten Glückwünsche zur gelungenen Architektur.

Weitere Kunstwerke: Koenig, Fritz