Edith Müller-Ortloff : Farbfuge 1957

  • Edith Müller-Ortloff: Farbfuge, 1957 / © Edith Müller-Ortloff; Fotonachweis: BBR Archiv

    Edith Müller-Ortloff: Farbfuge, 1957 / © Edith Müller-Ortloff; Fotonachweis: BBR Archiv

  • Edith Müller-Ortloff: Farbfuge, 1957 / © Edith Müller-Ortloff; Fotonachweis: Bundesrat

    Edith Müller-Ortloff: Farbfuge, 1957 / © Edith Müller-Ortloff; Fotonachweis: Bundesrat

Als erstes Kunst-am-Bau-Werk für den neuen Sitz der Bundesregierung entstand 1953 das Kalksteinrelief mit dem aufsteigenden Phönix von Hannes Schulz-Tattenpach am Eingang zum Alten Abgeordnetenhochhaus, das aus einem deutschlandweit offenen Kunstwettbewerb hervorgegangen war. Für das Vorzimmer des Plenarbereichs des Bundesrats wurde erst 1957 ein beschränkter Wettbewerb für einen Wandteppich zum Thema „Das Gesetz“ durchgeführt. Drei Künstler wurden eingeladen: Karl Heinz Dallinger aus München, der neben dem Haus der Kunst in München auch das Oberkommando der Wehrmacht ausgestattet hatte, Walter Müller aus Worpswede und Edith Müller-Ortloff aus Meersburg am Bodensee. Die aus fünf Verwaltungsbeamten bestehende Jury entschied sich für einen der elf ungegenständlich-abstrakten Entwürfe von Edith Müller-Ortloff mit der Begründung: „Der Künstler [für die Jury noch anonym] hat sich bei einigen Entwürfen (im Gegensatz zu den beiden anderen Wettbewerbsteilnehmern) weitgehend vom Figürlichen bzw. Gegenständlichen gelöst. Auch bemüht er sich, neben dem vom Menschen geschaffenen Gesetz auch das Gesetz des Mikro- und Makrokosmos zu symbolisieren.“ Das Preisgericht kam insgesamt zu dem Ergebnis, Edith Müller-Ortloff zu beauftragen, obwohl es feststellen musste: „Nach den vorliegenden Ideenskizzen scheint eine strenge Bindung an das Thema ‚Das Gesetz‘ zu keiner dem Raum entsprechenden und dem heutigen künstlerischen Empfinden befriedigende Lösung zu führen. Dem Auslober wird vorgeschlagen, eine abstrakte Darstellung etwa in der Art des Entwurfs 12345 F zu wählen.“
Die überarbeitete Fassung Müller-Ortloffs zeigt eine ungegenständliche Farbkomposition mit kräftigen Farben, starken Kontrasten und amorphen Formen. Eine dunkle Fläche breitet sich um das Zentrum aus und wird durch eine wellenartige, horizontale Linie gebrochen. Für die Künstlerin war es gleichwohl eine konkrete Darstellung der geforderten Aufgabe. Sie wollte mit der farbigen Komposition das Gegenüber von Chaos und Ordnung, welche durch die Gesetzgebung geschaffen wird, darstellen. Die dunklen Vertikalen stehen für die „unerbittliche Ordnung“, die „unsere Wunschwelt“ beschränken, welche „im Inneren dieses Kunstwerks, ähnlich einem großen Tier – ganz ihren dunklen Drang nach grenzenlosem Wachstum lebt“. So überliefert die Tochter die überraschend präzisen Erläuterungen Müller-Ortloffs: „Ein hintergründig-transparentes Licht umfängt das Ganze und löst die harten Dissonanzen auf. Hier scheint ein höheres Prinzip auf, das unsere Verfassung nur dem Bundespräsidenten vorbehält, ‚Gnade vor Recht ergehen lassen‘“. Doch auch ohne diesen Bezug auf das Auftragsthema ist der Teppich eine zeitlos ansprechende und als handgefertigtes Werkstück auch kostbare Raumausstattung. Edith Müller-Ortloff schuf mit ihren figurativ-abstrakten, aber auch rein formalen Kompositionen sehr avancierte Bildwerke für das Bundeshaus und in der Folge für viele Repräsentationsbauten der Bundesrepublik.
Das Werk steht für die vielen anderen Textilkunstwerke der Nachkriegszeit, die – trotz ihres hohen künstlerischen Rangs in direkter Tradition von Werkbund und Bauhaus – keine ihnen gebührende Beachtung in der Kunstgeschichte erfahren haben. Die Würdigung der Textilkunst blieb gerade in Deutschland aus, daran änderte auch ihre Bedeutung in den fünfziger Jahren und die zeitgenössische Anerkennung nichts, bevor sie dann auch diese als Kunstgattung verlor. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich überwiegend Frauen damit beschäftigten. CB

Weiterführende Literatur Online:
Claudia Büttner / Christina Lanzl (Autoren), Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hrsg.): Kurzdokumentation von 200 Kunst-am-Bau-Werken im Auftrag des Bundes von 1950 bis 1979. BBSR-Online-Publikation 12/2014, Bonn, Dezember 2014.

Weiterführende Literatur:
Karl Badberger: Architekturplastik am Bundeshaus, Die Bauverwaltung, 2. Jg. (5), 1953, S. 137-141.


Teppich / Tapisserie
Knüpfteppich, handgefärbte Wolle, handgeknüpft, 400 Knoten/10 cm
150 x 450 cm
6.136 €
nicht-offener Wettbewerb / Einladungswettbewerb mit 3 Teilnehmern

Bundesrat
ehemals Vorraum des Bundesratsplenarsaals
nicht öffentlich zugänglich/einsehbar
Kunstwerk ist verschollen

Künstlerin : Edith Müller-Ortloff

Edith Müller-Ortloff (1911 Schöningen - 1995 Meersburg) war eine der bekanntesten deutschen Teppichkünstlerinnen. 1911 studierte sie Architektur an der Technischen Hochschule München und dann Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Emil Pretorius und Sigmund von Weech. 1935-1943 hatte sie ein Atelier in Magdeburg und baute nach ihrer Flucht 1948 eine Werkstatt in der Alten Meersburg am Bodensee auf. 1948 machte sie die Meisterprüfung. Sie entwarf und fertigte vor allem abstrakte Bildteppiche in den klassischen Techniken: Gobelin-Weberei, Knüpferei, Seidenbatik, Relief-Stickerei, Applikation und Seidenmalerei. Zu den zahlreichen Aufträgen des Bundes gehören Werke in der Villa Hammerschmidt, im Bundesfinanzministerium, in der Residenz des deutschen Botschafters in Canberra/Australien, im Landesarbeitsamt Hannover, im Fliegerhorst Kaufbeuren, in der Residenz des deutschen Botschafters in Neu-Delhi/Indien, im Goethe-Institut Teheran/Iran und in der NATO-Kaserne Trier. In Kirchen, Ämtern, Unternehmen wie auch in der Dortmunder Westfalenhalle, in der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer, im NATO-Kasino Fontainebleau/Frankreich, im Stuttgarter Kultusministerium und Wirtschaftsministerium und an vielen anderen Orten finden sich ihre Bildteppiche. Heute führt ihre Tochter Baya Schultze-Ortloff die Bildteppichwerkstätten in Meersburg weiter.

Bundesrat Bonn

Bundesrat

Architektur: Hans Schwippert
Bauzeit: 1952-53

Bundesrat
Platz der Vereinten Nationen 7
53113 Bonn
Nordrhein-Westfalen

Die 1933 von Martin Witte erbaute Pädagogische Hochschule wurde 1949 von Hans Schwippert zum sog. Bundeshaus umgebaut, das bis 1999 Sitz von Bundestag und Bundesrat war. Der Südflügel war dem Bundestag, der Nordflügel dem Bundesrat vorbehalten, der heute die Außenstelle des Bundesrats und seit 2006 auch das Informationszentrum Föderalismus des Hauses der Geschichte beherbergt.

Weitere Kunstwerke: Bundesrat, Bonn